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Die Karten, die einem das Leben austeilt
Oktober 8, 2018

Wenn Angst lähmt!

gastbeitrag auf jammer-nicht-lebe.de
 
Ich hatte mich so weit von meinen eigenen Ängsten entfernt, dass ich sie bewusst gar nicht mehr wahrgenommen habe

Gastbeitrag von: Aileen https://www.trauma-anker.de/
„Sie haben also ein Problem mit der Angst?“ fragte mich der Krankenhaus Psychologe, der auf dem Stuhl gegenüber saß.
Ich lachte nur und sagte „Ich habe viele Probleme, aber Angst gehört eigentlich nicht dazu!“. Keine drei Wochen später wurde ich eines Besseren belehrt.

Ich hatte mich so weit von meinen eigenen Ängsten entfernt, dass ich sie bewusst gar nicht mehr wahrgenommen habe. Nur mein Körper zeigte mir wieder und wieder deutlich das Weglaufen keine Option ist.
 

Ich beschrieb die Angst immer wie eine kleine undurchsichtige schwarze Kugel, die zwar da war, die ich aber nicht wahrnehmen wollte.
Und nun ging es so nicht weiter.

Ich musste hinsehen…nein ich wollte hinsehen.

Was dann zum Vorschein kam zog mir dann förmlich den Boden unter den Füßen weg.
Nach und nach kamen sie: die Erinnerungsfetzen an die frühkindliche Gewalt seitens meiner Mutter und einen sexuellen Missbrauch im Kleinkindalter.

Es waren so schreckliche Bilder, Träume und Gefühle und ich machte vor Angst erstmal wieder dicht.
Zuerst musste mein Verstand verstehen was damals überhaupt passiert war. „Es kann nicht sein, was nicht sein darf!“ schoss es mir immer wieder durch den Kopf. Es war dann ein langer Weg bis zu dem „Ok es war tatsächlich so.“ Mir ging es damit auch zuerst deutlich besser.

Nur mein Körper und mein Unterbewusstsein sahen dies völlig anders.
Die körperlichen Beschwerden wurden wieder schlimmer und nachts plagten mich schreckliche Albträume.
Das Arbeiten fiel immer schwerer und meine Beziehung litt darunter sehr.
 
Ich hatte nun keine Wahl mehr und wollte die Angst genauer ansehen.
Ich suchte mir einen sehr kompetenten Arzt aus. Er schlug mir eine stationäre Traumatherapie in seiner Klinik vor.

Haken an der Sache: mehrere Monate Wartezeit.

Ich dachte ich könnte diese Wartezeit locker aushalten und arbeitete einfach weiter. Doch mein Körper sah es komplett anders.
Vier Wochen bevor es in der Klinik losgehen sollte schoss es mir in den Rücken. Ich kannte das bereits aus der Vergangenheit. Der Rücken zwickte schon bald seit 10 Jahren immer mal wieder. Nur diesmal sollte es anders enden.

Meine Hausärztin gab mir die gewohnten Spritzen, renkte mich ein und schrieb mich krank.
Nun saß ich zu Hause und die Angst suchte sich ihren Weg. Ich spannte mich mehr und mehr an. Die Schmerzen im Rücken wurden schlimmer und schlimmer. Ich war rast- und ratlos. Ich tigerte wie ein Tier im Käfig umher.

Nach einigen Tagen wurden die Schmerzen unerträglich schlimm. Ich lag abends im Bett und konnte mich ohne höllische Schmerzen nicht mehr aufrichten. Ich weinte und war am Ende…
 

The point of no return

Mit dem Krankenwagen ging es ins Krankenhaus. Schmerzhafte Untersuchungen und die Gabe von hochdosierten Medikamenten folgten daraufhin. Allerdings wurde der Schmerz nur schlimmer. Ich lag und konnte mich nicht bewegen.

Die Ärzte konnten keinen Bandscheibenvorfall o.ä. erkennen. Ich glaube sie dachten ich simuliere. Aber der Schmerz war ja nun mal da.

Als ich merkte, dass ich keine Hilfe von den Ärzten bekommen werde, fing ich an in mich hinein zu spüren.
Vielleicht halfen auch die Schmerzmittel in diesen Zustand zu kommen. Aber plötzlich waren sie da…die ganz heftigen Bilder des Missbrauchs. Ich spürte wie sehr der Körper noch in dieser Situation gefangen war.

Es waren schlimme Stunden in dem einsamen Krankenzimmer.

Doch ich merkte anschließend wie sich langsam die Spannung im Rücken löste. Ich konnte mich minimal besser bewegen. Es dauerte ein paar Tage bis ich das erste Mal aufstehen konnte.

Und dann kam der Schock:

Mein rechtes Bein war gelähmt. Der große Oberschenkelmuskel reagierte nicht mehr und der Unterschenkel war taub. Die Ärzte waren ratlos...aber die Tests eindeutig.
Der Nerv, der die Muskeln im rechten Bein steuert, hatte durch den Druck eine Schädigung erlitten. Wie lange dieser Zustand bleiben wird konnte mir keiner sagen.

Der absolute Nullpunkt

Für mich waren diese Tage rückblickend der absolute Nullpunkt.
Nach dem Krankenhausaufenthalt brauchte ich nicht mehr zur Arbeit und der Beginn der stationären Traumatherapie stand unmittelbar bevor.

Mit den Bildern, die im Krankenhaus hochgekommen sind, konnten wir nun direkt weiterarbeiten und das stellte sich als Glücksfall heraus.
Die Angst hatte sich so deutlich gezeigt…sie lag im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Silbertablett vor uns.

Ich habe es dann geschafft die Angst Stück für Stück auszupacken und mir anzusehen. Mittels EMDR gelang eine sehr erfolgreiche Verarbeitung der alten traumatischen Ängste und ein völlig neues Leben war im Anschluss möglich.

Man darf nie den Fehler machen die Angst zu unterschätzen.

Sie ist eine der mächtigsten Emotionen und verdrängt man sie zu stark sucht sie sich ihren Weg.
Und der führt leider oft genug über den Körper.
Im Nachhinein betrachtet war der jahrelang wiederkehrende Rückenschmerz immer das körperliche Zeichen eines lange ignorierten „Ich halt das nicht aus!“.

Ich habe es inzwischen geschafft ein sehr gutes Gespür für meinen Körper zu entwickeln und höre sofort hin, wenn er mir etwas zu sagen hat. Ich habe jetzt die Erfahrung, die Hilfen und die Stabilität es nicht nochmal so weit kommen zu lassen.

Und der Rücken gibt jetzt seit einem Jahr Ruhe ;).
 

Über die Autorin:



Mein Name ist Aileen, ich bin 37 Jahre alt und komme aus der Nähe von Hamburg.
Aufgrund persönlicher und beruflicher Erfahrungen musste ich mich in den letzten Jahren mit dem Thema Trauma / PTBS auseinandersetzen.
Ich versuche mit meiner Seite die wichtigsten Anker während der Traumabearbeitung zusammenzufassen um anderen Betroffenen Mut und Hoffnung zu geben.
Die Aufarbeitung ist ein schwerer Weg, aber er lohnt sich sehr. Heute lebe ich glücklich mit meiner Familie und die Symptome sind vollständig weg.


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