OLD School
Ich will ja niemandem zu nahe treten, aber wir müssen reden.
Über Eltern, Lehrer, das Bildungssystem – und die Tatsache,dass man heute für eine 5 in Englisch ein Trauma-Zertifikat kriegt.
Wer denkt, Fack ju Göhte sei übertrieben gewesen, der war noch nie beim Elternabend von 6b. Von Anfang:
Ich sitze bei meiner Freundin. Sie ist Lehrerin. Also offiziell.
Inoffiziell ist sie Therapeutin, Animateurin, Erziehungsbeauftragte, Feelgood-Managerin und menschliche Firewall gegen 27 Chrome-Tabs.
Wir trinken. Also sie Fencheltee.Ich Wein mit Beipackzettel, und dann erzählt sie mir… DAS.
„Ich hatte heute wieder ein Elterngespräch mit Familie Rübenkopf.“
Sie flüstert es, als würde sie Voldemort zitieren.
Ich: „Torben-litis?“
Sie nickt.
„Trigger-Torben höchstpersönlich. 5 in Englisch. Und ich bin jetzt offiziell seine Traumabewältigerin.“
Sie lehnt sich vor. Ihre Stimme zittert wie ein Stuhlkreis auf Glatteis.
„Früher, weißt du, kam die Mutter rein, hörte von der 5 und sagte:
‘Selbst schuld. Lern mehr. Und ab jetzt: Handyverbot und Vokabelheft unters Kopfkissen, du Pfeife!’“
„Und heute? Heute marschiert die ganze Familie rein wie eine Netflix-Doku in Echtzeit.
Vater in Cordhose, Mutter mit Aktenordner, Kind mit emotionalem Support-Kaktus.
Und ich? Ich soll mich erstmal vorstellen. Mit Pronomen und Triggerwarnung.“
Sie hat kaum Luft geholt, da geht’s weiter:
„Die Mutter: ‚Torben leidet unter Leistungsdruck.’
Der Vater: ‚Torben fühlt sich von Noten diskriminiert.’
Torben: ‚Ich bin eigentlich ein kreativer Freigeist, der unterbewertet wird.’
Und ich? Ich dachte, ich wär in der Schule.
Aber offenbar bin ich jetzt in einem Zirkus mit Schwerpunkt auf Clownsbildung.“
Ich kann nicht mehr.
Ich kann es nicht glauben …
Aber sie ist noch nicht fertig.
„Und dann der Vorschlag der Eltern HALT DICH FEST:
‚Könnten wir die nächste Arbeit in Form eines freien Tanzes machen?
Mit Klangschale und Ausdrucksmalerei?‘
Weil Torben Iltis sich im klassischen Test-Setting nicht genügend gesehen fühlt.
SEHEN?!
ICH SEHE SCHWARZ!
Ich unterrichte hier kein Ballett für hypersensible Traumtänzer!
Ich bringe Kindern bei, was ein verdammtes Past Perfect ist!“
Sie schlägt mit der Faust auf den Tisch.
Der Fencheltee zittert. Ich auch, vor Lachen und Entsetzen.
Sie erzählt weiter.
Vom Stuhlkreis mit Eltern, die den Stundenplan kritisch hinterfragen, weil 45 Minuten Konzentration „nicht mehr zeitgemäß“ sind.
Vom Vater, der vorschlägt, man solle die Schulnoten durch Duftnoten ersetzen, „um Kindern ein multisensorisches Feedbackerlebnis zu ermöglichen“.
Vom Kind, das seine Matheangst mit Fingerfarben auf seine Mitschüler projiziert hat und zur Belohnung einen Teilnahmepokal im Fach „emotionale Grenzerfahrung“ bekam.
Und ich? Ich sitze da, atme in meine Salzstange hinein und frage mich ernsthaft:
WO ZUR HÖLLE IST DIE GUTE ALTE ZEIT HIN?!
Die Zeit, in der eine 5 einfach eine 5 war und kein juristischer Tatbestand mit psychologischer Fachbegleitung.
Die Zeit, in der man nicht über das Testformat diskutiert hat, sondern einfach mit Schwitzen, Beten und einer Lucky-Lernstrategie auf Hoffnung gespielt hat.
Die Zeit, in der es kein Moodboard gab.
Nur Mathebuch und Klappe Halten.
Heute? Heute tanzt Torben das Present Perfect.
Während Papa mit der Klangschale wedelt, Mama das Tafelbild auf Mikroaggressionen scannt, und die Schulpsychologin notiert:
„Subjekt fühlt sich bei der Ziffer ‚5‘ getriggert meinVorschlag: Bewertungsumstellung auf Farben. Vielleicht Lavendel.“
Ich sag’s dir:
Bei Fack ju Göhte haben wir noch gelacht.
Damals dachten wir: „Krasser Film. So schlimm ist Schule ja nicht wirklich.“
Heute?
Heute wirkt das wie ein harmloser Bildungsurlaub mit Bastelbetreuung.
Zeki Müller? Wär heut vermutlich Sozialpädagoge mit Achtsamkeitszertifikat.
Und Chantal würde Gender-Workshops geben und sich „nicht ausreichend gesehen fühlen“, wenn der Tacker lauter ist als sie.
Wenn das so weitergeht, läuft Schule demnächst auf Netflix, als dystopische Dramaserie mit Triggerwarnung und Untertitel in „leichter Sprache“:
„Fühlt ju Göhte – Staffel 9: Der Elternabend eskaliert im Stuhlkreis.“










