4DX – oder: Wie ich beim Avatar-Film baden ging, ohne das Kino je verlassen zu haben!
Ich hätte es wissen müssen.
Schon als ich die Karte buchte – 4DX, „immersives Kinoerlebnis“, mit bewegten Sitzen, Wind, Regen, Nebel, Gerüchen und dem Versprechen, „hautnah“ dabei zu sein hätte mein innerer Menschenverstand brüllen sollen:
„NEIN! Du willst Popcorn essen, nicht überleben!“
Aber ich… Ich war naiv. Oder wie James Cameron sagen würde: “Navi-v.”
Und da saß ich nun. Reihe D, Sitz 12.
Bereit für Avatar – The Way of Water. Wasser. Viel Wasser.
Ich hatte keine Ahnung, wie sehr dieser Filmtitel noch körperlich werden würde.
Neben mir ein Paar in Partnerhoodies.
Vor mir ein Typ mit Familienpackung Nachos.
Hinter mir ein Mann mit der Ausstrahlung eines TÜV-Sachverständigen.
Und ich, mittendrin. Mit Popcornschale auf dem Schoß und Cola in der Halterung. Noch trocken.
Noch optimistisch.
Noch dumm.
Dann ging’s los.
Der Vorhang hebt sich. Das Bild leuchtet. Die Musik episch. Die Sitze: ruhig. Ich denke: „Geil.“
Zehn Sekunden später: „GEHILFEN SATANS, HÖRET MICH!!!“
Die Sitze brechen los wie eine Horde wilder Ponys auf Red Bull.
Wir fliegen nach links, nach rechts, ruckeln, zucken, zuppeln, ich versuche krampfhaft, die Popcornschale zu stabilisieren, was ungefähr so gut funktioniert, wie ein Smoothie auf einer Hüpfburg zu balancieren.
Jake Sully taucht ein ins Wasser. Und mit ihm meine Knie. Denn das Kino hat beschlossen:
„Wenn der Hauptdarsteller badet, baden ALLE.“
Ein Wasserspritzer schießt mir ins Gesicht, gleichzeitig kommt von hinten ein kalter Luftstoß, der mir so unmissverständlich sagt:
„Willkommen auf Pandora, du ahnungslose Kartoffel.“
Die Cola kippt. Natürlich. Schräglage, Ruck, Mini-Erdbeben und zack:
Cola in der Armlehne, im Schoß, in den Socken, und vermutlich auch in der Dritten Dimension meiner Seele. Ich rieche wie ein überzuckerter Autoreifen.
In dem Moment geschieht es: Ein Buckelwal springt auf der Leinwand aus dem Wasser, mein Sitz springt mit.
Das Popcorn hebt ab. Alle. Körner. Gleichzeitig. In Zeitlupe, wie in einem Michael-Bay-Film.
Ich sehe sie fliegen.
Ich sehe, wie sie sich aufteilen:
Ein Drittel auf den Typ vor mir, ein Drittel in meine Haare, der Rest auf den Nachbarn mit den Partnerhoodies, der jetzt aussieht, als sei er auf einer Maisfeld-Explosion geritten.
Ich will etwas sagen. Aber der Wind kommt. Der echte Wind. Im Kino. Aus Düsen. In mein Gesicht. Ich blinzele Tränen aus Cola und Mais.
Der TÜV-Mann hinter mir ruft: „Alter, ist das noch erlaubt?“ Und ich schreie zurück: „Nur mit Seepferdchen!“
Aber keiner hört mich, weil gerade ein gefühlt 17-stöckiger Wasserfall ins Bild rauscht und mein Stuhl beschließt, synchron mitzuleiden.
Ich klammere mich am Becherhalter fest wie Rose an der Titanic.
Hinter mir schnäuzt sich jemand in ein 3D-Brillenputztuch.
Vor mir fängt eine an zu beten. Und mittendrin: Ich.
Tropfnass und klebrig. Verwirrt. Und irgendwie… hungrig?
Aber keine Chance.
Die Nachos sind über alle Ritzen verteilt, es gibt keine Dipsauce mehr, nur noch emotionale Verluste.
Nach 192 Minuten endet der Film. Der Abspann rollt.
Die Sitze stehen still.
Ich kann nicht.
Mein Kreislauf macht Geräusche.
Meine Schuhe gluckern.
Meine Frisur ist ein politisches Statement gegen Luftfeuchtigkeit.
Ich stehe auf, oder versuche es.
Mein Körper hat kein Gleichgewicht mehr. Ich laufe schräg. Ich schaue mich um.
Die Partnerhoodies weinen. Der Nacho-Mann liegt in Trümmern. Und der TÜV-Mensch macht ein Selfie von seinem durchnässten Hemd.
Caption: „War geil.“
Ich schleiche raus.
Werde draußen gefragt: „Na, wie war Avatar?“
Ich sage: „Intensiv. Ich hab kein Wort verstanden, aber ich kann Wasser schmecken.“
Fazit? Es gibt keins. Nur eins:
Früher ging man in die Videothek. Holte sich einen Film. War stolz auf die Bonus-DVD.
Heute? Gehst du ins Kino und kriegst statt Popcorn ’ne Taucherausbildung.
Wenn James Cameron noch mal „Way of Water“ dreht,bin ich vorbereitet. Mit Schwimmflügeln. Und einem Neoprenanzug. Aber sicher nicht mit Cola. Die kommt mir nie wieder so nah.










