Schlauch des Grauens
Der Termin.
Es begann – wie alle medizinischen Tragödien beginnen – mit einem harmlosen Satz meiner Hausärztin:
„Das sollte man mal unbedingt spiegeln.“
Ich nickte.
Dachte an einen zarten Ultraschall.
Bekam stattdessen: einen vierseitigen Überweisungsschein, ein Merkblatt mit Warnfarben und die Nummer einer Praxis, die ich nur per Rauchzeichen erreichen konnte!
Mein Kampf um den Termin.
Ich rufe an.
Es klingelt.
Es klingelt weiter… bis zur Unendlichkeit!
Dann – ein Pieps:
„Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an. Unsere Sprechzeiten sind Dienstag von 10:17 bis 10:19 Uhr. Bitte versuchen Sie es dann erneut.“ What?
Ich versuche es.
Am Dienstag.
Um 10:18 Uhr.
Besetzt.
Ich überlege, ob ich persönlich vorbeigehe, in Uniform, mit Hundestaffel und Megafon.
Stattdessen schicke ich eine E-Mail mit dem Betreff:
„Ich will nur wissen, ob ich sterbe oder Sodbrennen habe.“
Mein Termin. Vier Monate später.
Ich erscheine nüchtern. Also nicht betrunken, sondern mit leerem Magen – seit gefühlten 20 Stunden.
Meine letzte feste Nahrung war ein Cracker und das Vertrauen in unser Gesundheitssystem.
Ich melde mich an. Die Dame am Empfang schaut auf meinen Zettel, als hätte ich ihr gerade ein Manuskript für „Grey’s Anatomy Staffel 39“ überreicht.
„Setzen Sie sich, das kann etwas dauern.“
Ich setze mich.
Und dann… beginnt das Wartezimmer-Level von „Dark Souls: Medizin Edition“.
Neben mir: ein älterer Herr mit Hose in den Achseln, der mir ohne Punkt und Komma erklärt, dass seine Gallenblase bei Vollmond juckt und das sicher von den Chemtrails kommt. Was auch immer das ist!?
Schräg gegenüber: Eine Frau, die flüstert, aber nur in Großbuchstaben:
„Ich LASS mich ja NICHt SPIEGELN. Ich spüre alles im Unterbewusstsein!! Ich war mal in Peru.“
Ich sitze da, zwischen Wahnsinn und Nierensteinen, und habe in diesen Stunden mehr über den menschlichen Körper gelernt
als in sechs Staffeln „Dr. House“.
Ich kann jetzt wahlweise Galle entfernen oder eine Sekretärin ersetzen.
Die Vorbereitung.
„Sie sind gleich dran“, sagt die Schwester.
Was bedeutet: In der Sprache der Praxis – in einer Stunde…
Im Behandlungsraum- Ich ziehe mich aus, bekomme ein Netzhemd in Größe demütigend und eine Decke, die eher symbolisch wärmt.
Dann der magische Satz:
„Sie möchten keine Sedierung, richtig?“
„Doch, unbedingt!“
„Ah, schade. Dann hätten Sie heute nüchtern kommen müssen.“
Ich:
„Ich BIN nüchtern!“
Sie:
„Aber nicht in der Seele, oder?“
10 Sekunden später lieg ich auf der Seite, mit Todesangst im Herzen und einem Schlauch in der Hand.
Die Magenspiegelung – Schlauch des Grauens.
Die Ärztin sagt freundlich:
„Das ist jetzt vielleicht etwas unangenehm.“
Ich sage nichts.
Weil ich einen Gartenschlauch im Hals habe!!!
Ich würge aber!
Ich röchele.
Ich versuche mit den Augen Morsezeichen für „STOP“ zu senden.
Die Ärztin nickt beruhigend.
„Ganz ruhig. Schön durch die Nase atmen.“
Ich will schreien:
„DURCH WELCHE NASE, WENN IHR GERÄT GERADE MEINEN MAGEN MIT MEINEM GEHIRN VERBINDEN WILL?!“
Dann dieser Moment – beim Rausziehen.
Der Schlauch rattert.
Er macht Geräusche.
Ich bin sicher, der hat einen Zweitjob als Rasenmäher.
„BRRRRT“ – „ZZZZZ“ – „KRRRK“.
Ich sehe Licht.
Kein spirituelles – das OP-Licht.
Aber es reicht mir!
Nachgespräch.
Ich sitze da, schwitzend, sabbernd, mit einem Zettel in der Hand, auf dem steht:
„Leichte Rötung im unteren Drittel, ansonsten unauffällig.“
Und ich?
Völlig auffällig!
Traumatisiert.
Dehydriert.
Emotionale Durchleuchtung Level 9000.
Die Ärztin lächelt:
„War doch gar nicht so schlimm, oder?“
Ich nicke.
Weil ich nicht mehr sprechen kann.
Ich kann nur noch fühlen.
Und das fühlt sich an wie ein Staubsaugerroboter mit Persönlichkeitsstörung, der meine Speiseröhre geputzt hat.
Ich gehe nach Hause.
Still.
Langsam, schleichend.
Mit einem neuen Verständnis für den menschlichen Körper.
Und dem festen Entschluss:
Sollte noch mal jemand sagen „Das sollte man mal spiegeln“ –
spiegel ich ihm seine Lebensentscheidungen.
Namaste.
Oder wie man nach so einer Erfahrung sagt:
„Ich hab jetzt alles gesehen. Auch mein Zwölffingerdarm.“










