Ein Abend unter Gabelmenschen
Es sollte ein eleganter Abend werden.
Ein Dinner mit Etikette.
Ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem sich Menschen mit Nachnamen wie Vornamen begegnen.
Ein Abend, bei dem man keine Kartoffel isst, sondern ein Arrangement von Erdfrucht in Trüffelschäumchen.
Und wir?
Wir mittendrin.
Nicht als Gäste – eher als Feldstudierende im feindlichen Habitat der Servietten-Zwirbler.
Einlass.
Schon der Empfang war eine Mischung aus Theater und Thronfolge.
Wir betreten den Saal, und sofort senkt sich ein kollektiver Blick auf uns herab, so steil wie ein Steuersatz ab 100.000 Euro Jahreseinkommen.
Ein Mann im Frack nickt mir zu, als wolle er sagen:
„Ich trage Manschettenknöpfe, die mehr kosten als dein Auto.“
Ich antworte mit einem Nicken, das in meiner Welt bedeutet:
„Ich habe einen Staubsaugerroboter mit Namen. Auch cool.“
Platznehmen.
Die Stühle sind so weit voneinander entfernt, dass man beim Hinsetzen fast einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen muss.
Ich falle nicht auf, ich gleite.
Elegant.
Bis mein Kleid sich mit dem Stuhlbein verheddert und ich eine Pirouette hinlege, für die ich von hinten leises “War das ein Zwischengang?“ höre.
Der Brotteller.
Immer dieser Brotteller.
Er ist wie Schrödingers Teller: Er gehört gleichzeitig mir und nicht mir.
Links? Rechts? Diagonal?
Ich warte, bis jemand anderes zugreift, dann tue ich es auch – mit so viel Verzögerung, dass es aussieht, als würde ich nach Brotkontakt suchen, nicht nach Nahrung.
Mein Mann flüstert:
„Tu einfach so, als wärst du sicher.“
Ich nicke, bin ich
Und streue Salz auf den Serviettenring.
Die Gabelkonfrontation.
Fünf Gabeln.
Alle gleich lang.
Alle mit einer Energie, als wären sie bereit, dich bei falscher Benutzung direkt vor den Internationen Knigge-Gerichtshof zu zerren.
Ich nehme die mittlere.
Sicher ist sicher.
Die Dame neben mir starrt mich an, als hätte ich gerade mit einem Teelöffel in der Suppe gerührt.
Hab ich.
War aber keine Suppe. War ein Fingerbowl.
Hat erfrischend geschmeckt.
Der Hauptgang.
Serviert auf einem Teller groß wie Brandenburg, mit Essen klein wie Saarland.
In der Mitte: etwas Rotes, das aussieht wie Kunst.
Ich zögere.
Ist das Essen oder Deko?
Ein Kellner beugt sich zu mir, mit dem Blick eines Mannes, der schon 300 Mal gesehen hat, wie jemand versehentlich die Tischkarte gegessen hat.
Ich flüstere:
„Kann man das essen?“
Er flüstert zurück:
„Wenn Sie genug Selbstvertrauen haben – alles.“
Besteckwechsel.
Jetzt wird’s sportlich.
Man wechselt Gabeln hier mit der Eleganz eines Fechters und der Präzision eines Mikrochirurgen.
Ich aber – ich wähle die Gabel des Herzens.
Falsche Wahl.
Ich merke es, als sie in der Mousse versinkt wie ein Stiefel im Moor.
Niemand sagt etwas.
Aber man denkt es.
Laut.
Dessert.
Ich versuche, die Mousse zu essen, ohne sie umzupusten.
Sie sieht aus wie ein Kunstprojekt und schmeckt wie Urlaub in der Toskana, nur ohne Gepäckverlust.
Mein Mann sagt:
„Ist das Basilikum?“
Ich sage:
„Nein, das ist die Rechnung.“
Was bleibt?
Wir gingen, wie wir gekommen waren:
Mit halbvollem Magen, aber vollen Eindrücken.
Und mit dem festen Entschluss:
Beim nächsten Mal bringen wir unser eigenes Besteck mit.
Und ein Brötchen zur Sicherheit.